Kasten 1: Geschichte der Schweizer Luftverteidigung

Der Aufbau der Schweizer Luftverteidigung, seit dem 2.Weltkrieg, ist das beste Schulbeispiel für die Erfolgsgeschichte einer demokratischen Miliz-Gesellschaft.

Schon vor dem 2.Weltkrieg hatte der damalige Bundesrat und Landwirt, auf Betreiben hoher Miliz Of, die Bedeutung einer Luftverteidigung der Schweiz im Umfeld der Aufrüstung in Europa erkannt und umgesetzt: in Beschaffungen, Ausbildungen und Aufbau von Flieger- und Fliegerabwehr-Einheiten: Hitler war sehr erstaunt und erbost, als in ersten Flügen seine modernsten Messerschmitt-Jagdflugzeuge schon über der Grenze im Jura, von ebensolchen Messerschmitt-Jägern mit Schweizer Kreuz abgeschossen und zur Flucht gezwungen wurden. Auch die optimal einstellbaren Zeitzünder der Hispano-Suiza Flab Granaten zwangen deutsche Lufttransporte zu Umwegen über Oesterreich oder Frankreich.

Die Schweiz arrangierte sich mit dem sie umschliessenden deutschen Heer: Dieses unterlies fortan Ueberflüge, und kaufte, im Austasch für Nahrungsmittel-Lieferungen aus Uebersee, weiterhin neu verbesserte Schweizer Flab Kanonen und Flab Munition von Oerlikon-Bührle.  Zum Ende des Krieges musste sich die Schweiz von den USA vorwerfen lassen, diese Waffen-Lieferungen hätten zur Verlängerung des Widerstandes der Deutschen Abwehr beigetragen. (US Strafaktionen wurden zwar später als «versehentliche Bombadierungen» beschönigt.)

Die ersten 30 Jahre 1960 – 1990

Armee 61: Die ganze Schweiz als grösste Milizarmee Europas

Das letzte Jahr des Krieges war schrecklich, weil der Krieg erstmals in unmittelbarer Nähe geführt wurde: Unsere Eltern konnten «live» die Bombardierungen der deutschen Industrie und Städte am Bodensee mitansehen. Unser Lehrer, als Offizier auf einem vorgeschobenen Beobachtungsposten, berichtete uns Schülern über die grausamen Beschiessungen der deutschen Truppen auf ihrem Rückzug vor den Franzosen, entlang unserer Nord-Grenze.

Schon nach 3 Jahren Frieden und Wiederaufbau blockierten 1948 die Russen alle Zugänge nach Berlin und zeigten an, dass sie andere Pläne für Europa umsetzen wollten: Ihr HQ West hatten sie in die Tschechei vorgeschoben. Es blieb in vollem Betrieb bis 1987 und konnte immer innert Stunden in Marsch gesetzt werden. Alle mech und mot Einheiten im Sektor waren ausgerüstet mit hoch-detaillierten 1:50’000 Karten der Schweiz und übten in ähnlichem Gelände den Durchbruch nach Frankreich, an den Atlantik: Angriffsachse über Bodensee, Hochrhein-Uebergänge bei Stein am Rhein zur Burgunder Pforte. Gegen diese Panzerspitzen wurden unsere, noch im Krieg erstellten, permanenten Geländeverstärkungen weiter ausgebaut, mit mehr Truppen und Waffen verstärkt, um alle aus geschützten Unterständen diese Schlüsselstellen zu halten.

Schon kurz nach dem Krieg war der ganzen (Nordost-) Schweiz klar, dass die russischen Transport-Flugzeuge mit Besetzungs-Kommandos, die in nur 60 min Flugdistanz bei Karlsbad stationiert wurden, die erste und grösste Bedrohung für unser Land für die nächsten 30 Jahre sein würden.

Armee 61: Aufbau der «Welt-besten Defensiven Luftverteidigung», durch Miliz-Experten und Schweizer Industrielle

Zur Luftverteidigung wurden, in einem richtigen Kraftakt, teils mit Partnern in England und USA, aber vor allem in der Schweiz selbst, alle die nötigen Teil-Systeme entwickelt, erprobt, beschafft und integriert, von unserer Industrie.

Für uns junge Ingenieur-Studenten und angehende Leutnants traten dabei 3 Zürcher Leitfiguren hervor: ETH Prof. Ernst Baumann, Uni Prof. Hans Künzi und der Unternehmer Dieter Bührle.

Prof. Baumann war die Autorität in der neuen Halbleiter-Technologie. In seiner Abteilung für Industrielle Forschung auf dem Hönggerberg, wurden in über 200 Doktorarbeiten, die jeweils 4-6 Jahre dauerten, neue Verfahren entwickelt und dazugehörige Geräte gebaut. Und in unzähligen Projekten wurden diese Verfahren dann für die Industrie in Prototypen und Produktionsanlagen umgesetzt, mit grossem wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Erfolg.

Die Beschaffung der Mirage Flugzeuge 1964 lief aus dem Ruder: bezüglich Kosten, Terminen und vor allem Art des Einsatzes. Beim parallel dazu bewilligten neuartigen Luftverteidungs-Leitsystem Florida befürchtete der Bundesrat einen gleichen Skandal, da der renommierte US-Lieferant der Radar-Hardware selber Zweifel an der weltweit erstmalgen Realisierbarkeit eines solchen umfassenden Systems angemeldet hatte. Der Bundesrat beaufragte deshalb Prof. Baumann mit der Evaluation der vorgelegten Pläne, Probleme und Lösungen. Und nachdem dieser ihm die Machbarkeit, aber nur unter modernem Projekt-Management, bestätigt hatte, beauftragte der Bundesrat Prof. Baumann gleich mit dieser Projekt-Leitung.

Prof. Baumann, Miliz-Artillerist, Kdt einer Geb Art Bttr im 2.Weltkrieg, hatte sehr präzise Verstellungen von Raum-Ueberwachung, Ziel-Erkennung und Ziel-Verfolgung, koordinierter Feuerplanung und Feuerleitung. Er akzeptierte zB das Ausscheren der wichtigsten neuen Waffe im Luftverteidungs-System, der Bloodhound Mk 2, mit ihrer grossen Radar- und Lenkwaffen-Reichweite nicht, nur weil die Uebertragungsmittel für die Mengen digitaler Daten noch nicht existierten: Er entwickelte dazu kurzerhand die sog. Trägerfrequenz-Telefonie.  

Von unserem Jahrgang arbeitete 1 Ingenieur-Doktorand, Tessiner und Sdt, an den Grundlagen für die Zuverlässigkeit des zu bauenden Florida-Systems: Er wurde später zum weltweit ersten Professor für diese Schlüssel-Technologie, die entscheidend wurde für die grossartigen Entwicklungen zB der Halbleiter-Industrie. Ein junger welscher Ingenieur konnte als erster die neu ermöglichte digitale Bildverarbeitung entwickeln, zuerst als Grundlage für die Zusammenstellung komplexer Luftlage-Karten; er erhielt, noch nicht 30-jährig, eine Professur in den USA. Ein Physik-Doktorand, Hunter-Pilot und später Oberst i Gst, entwickelte erfolgreich Bildverstärker für passive Ziel-Erkennungs Geräte. u.s.w.

An der Uni arbeitete Prof. Hans Künzi, «nur» Gefreiter, dafür aber Miliz-Politiker Nationalrat und Regierungsrat, mit seinen Assistenten und Doktoranden an der Software für die Leitung der Luftverteidigung und deren Optimierung, mit den ersten frei-programmierbaren «Super-Computern» aus USA. Er entwickelte die bisherige Lineare Optimierung seiner Vorgänger zum ersten Military Operations Research, das vor allem von den Amerikanern bewundert und zu kopieren versucht wurde. 1969 war das «Florida» operationell: Das erste solche System weltweit, das alle Elemente der Luftverteidigung zusammenfasste, für die ganze Schweiz, mit allen ihren Fliegerabwehr-Waffen, bereit, bis zu 400 Ziele, gleichzeitig, darzustellen und optimiert zu bekämpfen.

Künzis berühmte Freihandnotizen

Für viele junge Ingenieure gab es aber sonst noch sehr interessante Entwicklungsabeit, in Oerlikon bei Bührle, dem bedeutendsten Fliegerabwehr-Entwickler und -Hersteller: Seine neuen 35 mm Zwillings Flab Kanonen, 1965 bei uns und weltweit eingeführt, sind heute noch in fast allen westlichen Armeen im Einsatz, zusammen mit den damals ersten Feuerleitgeräten Super-Fledermaus und später Skyguard.

Bührle wusste von seinen eigenen Erfahrungen aus einer Generation Simulationen, Schiess­versuchen und Kriegs-Einsätzen, dass «der Flieger nur eine Chance hat gegen eine unachtsame, überraschte Fliegerabwehr». Er entwickelte deshalb, unterstützt durch Prof.Baumann, die ersten feldtauglichen Analog-, dann Digital-Rechner für seine Radar- und Optik-Feuerleitgeräte.
Bührle entwickelte einen Kanonen Flab Panzer (1960), zum damals fehlenden Geleitschutz der mech Verbände; der aber nur im Ausland gekauft wurde. Er erkannte auch die Lücke in unserem Luftschirm, zwischen der Langstrecken-Bloodhound und seinen Kurzdistanz-Kanonen, und entwickelte 4-mal (1946-1982) eine Mittelstrecken-Fliegerabwehr-Rakete, die aber alle nicht von der Schweizer Armee beschafft wurden.

In jedem ersten Studienjahr an der ETH sassen auch eine Reihe Studenten, die schon Militärpiloten waren, jetzt noch das (schwierige) erste Vordiplom bestehen mussten, um dann in die Swissair Pilotenschule eintreten zu können. Die Luftwaffe hatte damals ca 600 Jagdbomber, die von Miliz-(Swissair-) Piloten geflogen wurden.

Viele unserer Maschinen-Ingenieur Kollegen arbeiteten in der SIG Waffenfabrik, beim Sulzer Turbinenbau, bei den Saurer Motorenwerken, in der FFA Flugzeug-Wartung und -Entwicklung, bei Mowag oder GF in Fahrzeug- und Panzer-Produktion.

Um 1980 bestand die Schweizer Luftverteidigung aus diesen Sensoren und Waffen:

Florida Luftraum-Ueberwachungs-System : 4 Suchradar auf Höhenstandorten, mit 400 km Reichweite.
+ 6 permanente Suchradars der Bloodhound Stellungen, mit 160 km Reichweite.
+ 112 mobile Skyguard Feuerleitgeräte mit je 2×15 km Radar.
Das ganze System verbunden zu mehreren geschützten Einsatzzentralen.

Bloodhound Mk 2 : radargesteuerte Langstrecken-Boden-Luft-Lenkwaffe. In 6 permanenten Stellungen, verteilt über das ganze Schweizer Mittelland, standen 68 Werfer bereit. Mit 160 km Radar- und Waffen-Reichweite und 300 – 24’000 m Einsatzhöhe konnte der ganze Luftraum, gegenseitig überlappend, abgedeckt werden.

Oerlikon 35-mm Zwillings Flak : 112 mobile Feuereinheiten zum Objektschutz, bestehend aus einem Feuerleitgerät Skyguard (2 Radar mit je 15 km Reichweite, 1 Optik-Sensor) zur Steuerung von 2 Zwillings-Kanonen (= 4 Rohre x 120 Schuss, max 4000 m).

Unter dem «Schirm der Bloodhound» konnten die 600 Jagdbomber die Bodentruppen unterstützen. Ihre Bordkanonen, und Sidewinder-Raketen bei den 150 Hunters, genügten einem Luftkampf mit 1980 modernen angreiffenden Kampfflugzeugen nur noch dank Koordination und Ueberraschung im eigenen Luftraum.

110 Abfangjäger F-5 Tiger : bestückt mit Sidewinder-Raketen wurden im verbleibenden engen Raum zum Luftpolizei-Dienst eingesetzt.

Die 54 Mirage III, entwickelt und beschafft als Angriffs-Atomwaffenträger und Fernaufklärer, mussten zum Glück nie beweisen, dass sie auch  als Abfangjäger im kleinen Schweizer Luftraum, ihre veralteten, radargesteuerten Luft-Luft-Raketen hätten einsetzten können.

Die Flieger und Fliegerabwehrtruppen hatten einen Bestand von über 80’000 Wehrmännern. Die Infrastruktur der ca 25 Militärflugplätze, die meisten mit Kavernen, wurde von einer Miliz-Flugplatz-Brigade mit ca 16’000 Mann Bestand betrieben: In einer KMob in 48 Std im Voll-Betrieb.
Für den Schutz der beiden Gross-Flughäfen Zürich und Genf wurde je ein Infanterie-Flughafen-Regiment aufgestellt, dessen Mannschaften mehrmals jährlich auf ihrem Objekt übten und die jederzeit innert 2 Stunden von ihrem Arbeitsplatz, per Tele-Alarm, an ihrem bestimmten und geübten Einsatz-Ort bereit waren.

Ueberzeugende Lehren für uns Ingenieure in den USA

1980 hatten wir die grosse Chance, im letzten Flab-Lenkwaffen Projekt, das Dieter Bührle in den USA entwickeln liess, in amerikanischem System-Engineering mitzuarbeiten: In einem Team von ca 250 von 5000 Ingenieuren, meist ältere ehemalige Militärs, mit vielen erfolgreich abgeschlossenen Projekten und modernsten Simulations-Werkzeugen und Test-Ranges.

Zur gleichen Zeit evaluierte diese US-Firma für die Griechen neue Kampfflugzeuge. Wir fragten deshalb den zuständigen Teilprojekt-Leiter, Dr. In Physik und Mathematik, Kampfpilot im Koreakrieg, retired 1-Star General: «Für was brauchen wir Schweizer denn welche zusätzlichen 30 neueste Kampfjets?»

Seine Antwort kam wie eine Ohrfeige: «Ihr braucht nur zusätzliche 30 neue Kampfjets für zusätzliche Air-Shows, und zum Herumfliegen von zusätzlichen 30 x 6 neuen Luft-Luft-Raketen, und zur Selbstbefriedigung von ca 30 x 2 neuen Piloten.»

Wir mussten die Belehrungen des kriegserfahrenen Kampfpiloten und ausbildenden General aber akzeptieren:

«Merkt Euch: Das Flugzeug ist keine Waffe, nur ein Waffen-Träger, der die Waffe im Angriffs-Krieg über grosse Flugdistanzen, in eine günstige Abschussposition bringen muss. Der Kampf wird entschieden durch die bessere und besser eingesetzte Lenkwaffe.
Ein Land wie die Schweiz, braucht für die defensive Luftverteidigung keine Flugzeuge, nur eure Raketen und das grossartige Leitsystem.
Als Luftwaffen-General werde ich keinen 100 Mio $ teuren Flieger in euren lückenlos überwachten Luftraum mit den vielen, nur 1 Mio $ teuren, Flab-Raketen schicken, denn ich weiss, eure Werfer sind mit mehr als 99% verfügbar, abschussbereit in optimaler Stellung, und ihr werdet den Flieger mit mehr als 85% Trefferwahrscheinlichkeit abschiessen.
Und als (alter) Pilot werde ich mich nicht dazu befehlen lassen, in diese «Hölle» hineinzufliegen: Ich habe gelernt, wie schwierig es ist, bei Mach 1 oder mehr, auch noch den feindlichen Flieger oder Raketen-Werfer BVR (Beyond Visual Range, d.h. in >37 km Distanz) ganz allein mit meinem Bordradar zu entdecken und mit meiner Rakete zu bekämpfen. Weniger als 10% dieser Abschüsse treffen ihr Ziel.«